Interviews

Samstag, 11. August 2007

Bärbel Hirschbichlers Himalaya-Karakorum-Hilfe

Barbara HirschbichlerDie Deutsche Bärbel Hirschbichler – sie lebt am Königssee im Berchtesgadener Land - ist eine herausragende Allround-Alpinistin: 10. Grad im Fels, große Alpenwände im Winter, mehrere 8000er. Mit ihrer „Himalaya-Karakorum-Hilfe“ unterstützt sie in diesen Regionen Menschen, die unter härtesten Bedingungen leben müssen. Am 1. September wird sie beim Schlussabend des FILMFESTS ST. ANTON zu Gast sein. Live im Gespräch, dazu das Filmporträt „Eine Bergliebe“ von Julia Seidl. Vorab einige Antworten auf Fragen nach ihrem großen Engagement:

Was ist derzeit das wichtigste Projekt Ihres caritativen Vereins?

Das zur Zeit Wichtigste ist ein Wohnheim für Dorfkinder, das in Skardu gebaut wird. Die Kinder können dort wohnen und werden verpflegt. Sie können dadurch bessere und höhere Schulen besuchen, die es nur in Skardu gibt, in den Dörfern endet die Ausbildung mit der 5. Klasse. Wer also eine bessere Ausbildung will, muss nach Skardu, wer aber dort keine Familie hat, hat keine Chance. Deshalb das Wohnheim. Ohne das hat ein Dorfkind kaum die Möglichkeit, eine höhere Schule zu besuchen.

Wenn jetzt jemand 20 € auf das Konto der Stiftung überweist – was genau geschieht damit?

Das Geld stecken wir in den Bau dieses Wohnheims!

Warum braucht es so dringend die Hilfe von außen?

Die Baltis leben von der Hand in den Mund. Die einzige Einnahmequelle, der Tourismus, bringt ihnen nicht viel, da sie nur als Träger engagiert werden, das große Geld machen andere! Deshalb auch die Gründung der Trekking-Agentur, damit zumindest ein wenig Geld in Baltistan bleibt. Deshalb das Wohnheim, damit die Jungen (Mädchen und Buben) in die Lage versetzt werden, ihre eigene Situation zu verbessern - ohne Geld und Bildung ist das kaum möglich. Meine Hilfe ist prinzipiell Hilfe zur Selbsthilfe. Der Staat Pakistan ist an Baltistan nicht interessiert, weil es dort nichts zu holen gibt, also wird auch nichts investiert.

Und warum gerade Himalaya-Karakorum?

Nach Pakistan kam ich anfänglich lediglich der Berge wegen, doch die Bergbewohner haben mich immer schon beeindruckt, nicht nur hier. Deshalb die Gründung des Vereins.

Es gibt immer wieder ernst zu nehmende Stimmen, die sagen, Entwicklungshilfe sei oft nicht das richtige Mittel...

Ich bin mir durchaus bewusst, dass Entwicklungshilfe nicht nur positiv ist und u.U. sogar mehr Nachteile als Vorteile hat. Mein wichtigstes Argument für ein Engagement - für mich persönlich - ist: ich liebe diese Menschen und ich habe lange genug gesehen, unter welchen Bedingungen sie leben müssen. Deshalb kann ich gar nicht anders als zu versuchen, dieses Leben zumindest ein wenig zu erleichtern.

Weitere Informationen unter www.himalaya-karakorum-hilfe.com.

Freitag, 3. August 2007

Hochseilakrobatik

Daniel PeisDer junge Innsbrucker Filmemacher Daniel Peis im Gespräch mit FILMFEST-Moderatorin Kathi König über die Faszination des Slacklinen, die Arbeit im extremen Gelände und über das nächste Projekt.


? Letztes Jahr hast Du uns zum Filmfest einen Film übers Klettern mitgebracht, die Leidenschaft dabei und vielleicht auch die Sucht - dieses Jahr werden wir mit "Slackliner - The movie" 20 spannende Minuten „Slacklinen“ erleben. Was war der Reiz für dich, gerade über diese, für viele von uns wahrscheinlich vollkommen verrückte Sportart einen Film zu machen?

Für mich war es immer schon sehr interessant, die Welt hinter der Kamera zu entdecken und zu erleben. So entstand letztes Jahr mein erster Film „The Virus“, der von modernem Sportklettern und Buildering (Klettern an Gebäuden und Brücken) in Tirol handelt. Ich durfte mit dem Video zahlreiche internationale Bergfilmveranstaltungen besuchen und lernte dabei einige sehr bekannte Bergfilmer kennen. Daraus resultierte meine Motivation für einen weiteren Bergsportfilm. Warum ich mir gerade das „Slacklinen“ dazu ausgesucht habe, ist recht einfach zu erklären:
Seit letztem Jahr hat die Slackline nun fast alle Parks in meiner Heimat erobert. Überall sieht man junge Leute, die zusammen mit Freunden eifrig unterschiedliche Tricks auf der Line ausprobieren und sichtlich Spaß dabei haben. In unserem Computerzeitalter fehlen meiner Meinung nach besonders die zwischenmenschlichen Beziehungen. Jegliche Kommunikation funktioniert über das Handy oder den Computer. So finde ich gerade das Slacklinen abgesehen vom sportlichen Aspekt etwas ganz Besonderes und Wertvolles. Man muss nicht stundenlang mit dem Auto fahren, man braucht kein Vermögen in teure Sportausrüstung investieren…

? Also eine Sportart für jedermann...

Slacklinen kann jeder, egal ob arm oder reich, jung oder alt.
Um allerdings unserer Zielsetzung gerecht zu werden, den Slackline-Sport und die wunderschöne Natur Tirols einzufangen, haben wir das Slacklinen im Park ausgeschlossen.
So mussten wir uns ganz besondere Spots überlegen, um die Thematik dieser Sportart kombiniert mit Landschaftsaufnahmen von der heimischen Bergwelt in einem spannenden Film zu verpacken.
Zusammen mit Christian Waldner konnte ich meine Vorstellungen über den Film besprechen und schließlich durch seine sportliche Leistung in die Realität umsetzen. So entstand nun ein Film der sowohl mit bewegten Bildern als auch mit interessanten Interviews einige wichtige Aspekte des Slacklinen beinhaltet. Wem das Balancieren auf einer Slackline zwischen zwei Bäumen bereits zu langweilig geworden ist, der kann sich bei unserem Film neue Ideen holen und sich davon inspirieren lassen. Aber Vorsicht, Highlinen erfordert Vorkenntnisse in Sachen Absicherung und ist für Anfänger nicht zu empfehlen.

? Dreharbeiten in solch einem Gelände - 50 Meter über dem Abgrund, ein Schlauchband auf eine freistehende Felsnadel zu und dann jemand, der drüber balanciert - sind sicher nicht einfach! Sind irgendwelche Schwierigkeiten aufgetreten? Gab’s irgendwann einen Punkt an dem man das Projekt lieber hätte sausen lassen? Oder war die Sucht dann doch zu groß?

Dazu ist ganz klar festzuhalten, dass unser gesamtes Team, das an diesem Filmprojekt beteiligt war, bereits langjährige Erfahrungen im Sportklettern hat. Nach zahlreichen Eröffnungen neuer Sportkletterrouten bis in den 10. Schwierigkeitsgrad war es für mich kein Problem, die Verankerungspunkte auf der Rumer Nadel zur Befestigung der Highline sicher einzubohren. Schon im vorigen Jahr testeten Christian Waldner und ich die Festigkeit einiger Slacklines an der Technischen Universität in Innsbruck im Labor. Dies war sicher ein wesentlicher Schritt, um das Verhalten der Slackline unter Belastungen näher einschätzen zu können.
Die einzige Unsicherheit hatten wir am Taschachferner. Anfänglich waren wir uns nicht ganz sicher, ob es grundsätzlich möglich ist, eine statische Verankerung im Eis herzustellen, die der Zugbelastung der Slackline über einen Zeitraum von ein paar Stunden standhalten kann. Tatsache ist, dass bei Eisschrauben unter ständiger Belastung solch enorme Druckkräfte an den Kontaktstellen auftreten, dass die Eisschrauben in einigen Minuten aus dem festen Eis einfach herausschmelzen. Eine andere Möglichkeit zur Sicherung im blanken Eis ist das Errichten einer so genannten Eisuhr. Dabei bohrt man mit möglichst langen Eisschrauben unter einem Winkel von jeweils 60 Grad zwei Eiskanäle, die sich am Ende treffen und fädelt eine Reepschnur durch, an die man dann die Slackline anbringen kann.

? Und das habt Ihr gemacht?

In unserem Fall frästen wir mit einem Akkubohrer einen Kanal von 3 cm Dicke und 40 cm Tiefe ins Eis. Dadurch sollte der Begehung über die Gletscherspalte nichts mehr im Wege stehen. Leider hatten wir am Tag nur während den Aufbauarbeiten halbwegs stabiles Wetter, das sich allerdings während dem Versuch, die Spalte auf der Slackline zu überqueren, von Minute zu Minute verschlechterte. Wir waren gezwungen, bei starkem Regen und Gewitter wieder zurück zum Taschachhaus zu gehen und konnten erst wieder etwas später in der Nacht für einen erneuten Versuch aufbrechen.
Um das Gefahrenpotential am Taschachferner so gering wie möglich zu halten, wurden wir bei der gesamten Unternehmung vom Zirler Bergführer Otti Hauer von Exclusive Guiding begleitet, beraten und optimal unterstützt.

? Mir scheint, dass Dich nicht nur die Leidenschaft an Extremsportarten gepackt hat, sondern auch am Filmen... Und bin gespannt, was wir da von Dir noch erwarten dürfen! Gibt’s schon neue Projekte?

Ich fliege bereits am 4. September, gleich nach unserer Filmpremiere in St. Anton, nach Island, um am Gletscher des Vulkans Hvannadalshnùkur (höchste Erhebung Islands) eine spektakuläre Skiabfahrt zu filmen. Sollte es mir gelingen, diese Filmidee zu verwirklichen, dann wäre ich im nächsten Jahr beim 14. Filmfest in St. Anton gern wieder dabei.

Sonntag, 20. Mai 2007

„Lieber ein guter Bergsteiger sein, als der beste gewesen ...“

Ein Gespräch mit Stephan Siegrist,
Live-Gast beim diesjährigen FILMFEST ST. ANTON

Stephan Siegrist (Foto: Severin Nowacki)Stephan Siegrist (Foto: Severin Nowacki), geboren 1972 in der Nähe von Bern, ist heute einer der bedeutendsten Allround-Alpinisten weltweit. Er kennt die großen Wände der Alpen – auf ihren klassischen Routen und oft auch durch neue, außergewöhnliche Erstbegehungen. Er war Protagonist bei den TV-Projekten „Eiger live“ und „Eiger retro“ – ausgerüstet wie die Erstbegeher 1938. An den gewaltigen Felstürmen Patagoniens hat er schwierigste Touren unternommen, und 2004 gelang ihm die erste Durchsteigung der Thalay Sagar Nordwand im Himalaya. Siegrist ist Live-Gast beim diesjährigen FILMFEST ST. ANTON (am Abschlussabend, Samstag 1. September).
Vorab schon gibt er Antworten auf sehr persönliche Fragen...

? Liest man die lange Liste Ihrer alpinistischen Erfolge und Höchstleistungen, so kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Allein Ihre Begehungen von Eiger-, Mönch- und Jungfrau-Nordwand innerhalb von 25 Stunden machen einen sprachlos. Und doch – es scheint etwas zu fehlen: Warum gab es bislang keine Achttausender?

Mich muss ein Berg in erster Linie durch seine Schönheit ansprechen. Dann ist für mich entscheidend, ob es eine interessante , technisch anspruchsvolle, logische Linie zur Besteigung gibt. Natürlich möglichst eine Erstbegehung! Dann spielt es für mich keine Rolle, ob es ein Sechs-, Sieben- oder Achttausender ist.
Die Megalinie am Gasherbrum 2 ( Anm. d. Red.: 8035 m) z.B. hat mich interessiert - nicht die Höhe. Diese Erstbegehung konnten wir schlussendlich leider nicht machen. Doch zu einem späteren Zeitpunkt werden die Achttausender bestimmt noch ein Thema…

? Im Himalaya gelang Ihnen im Jahr 2004 eine großartige Neutour: Die Durchsteigung der Nordwand des fast 7000 Meter hohen Thalay Sagar. Welche Wertigkeit hat diese Tour – „Harvest Moon“ – für Sie?

Es war für mich eine der größten Erfolge! Nicht nur vom Bergsteigerischen her, sondern auch vom Medialen. Wir haben ja selber gefilmt, und der Film wurde ja anschließend mehrfach ausgezeichnet.

? Nun scheint ja im Himlaya das Neuland an Sechs- und Siebentausendern noch unerschöpflich. Kann es sein, dass genau das zu Ihrem Betätigungsfeld wird – großes Abenteuer, extremes Klettern in Fels wie Eis?

Ja, es ist das technisch Anspruchsvolle, das mich interessiert. Und ist es dann noch in einem unbekannterem Gebiet – umso besser!

? Der Film „Harvest Moon“ ist bei Ihrer Thalay Sagar-Expedition entstanden. Er wird beim FILMFEST ST. ANTON 2007 zu sehen sein. Zuvor standen Sie ja schon bei verschiedenen Eiger-TV-Produktionen vor der Kamera. Ist das etwas, was Sie reizt? Was Sie vielleicht später, wenn die Zeit der sportlichen Höchstleistungen zu Ende geht, faszinieren könnte: selbst Filme zu machen?

Ja, filmen ist für mich eine neue Herausforderung - und bestimmt auch zum wichtigen Punkt für jeden Profibergsteiger geworden, hilft es doch dabei, Expeditionen visuell für den Zuschauer zu erleben und auch zu vermarkten. Und das ist wichtig, damit man sich dann auch die nächste Reise leisten kann.
Was später einmal sein wird, weiß ich noch nicht.

? Der Konkurrenzkampf im Profibereich des Bergsteigens ist groß. Dabei scheint es nicht vor allem darum zu gehen, wer der Beste ist, sondern darum, durch Aufsehen erregende Erfolge sich immer wieder der Unterstützung durch die Sponsoren versichern zu können.
Inwieweit sehen Sie sich selbst einem solchen Druck ausgesetzt?


Der Druck ist bestimmt da. Doch den meisten macht man sich eigentlich selbst. Solange ich meine eigenen Projekte und Träume realisieren kann, mir nichts vorgeschrieben wird und ich am Berg selbst entscheiden kann, ob ich weitergehe oder nicht, passt es für mich.

?... anders gefragt: Gab es schon Momente in Ihrer Laufbahn, wo sie umgekehrt wären, aufgegeben hätten, wenn kein Sponsoreninteresse dahinter gestanden wäre?

Nein ganz sicher nicht. Im Gegenteil! Nach dem jüngsten Beispiel am Gasherbrum, teilte ich meinem Hauptsponsor mit, dass ich der Falsche bin wenn Sie jemanden haben wollen, der blindlings für das Sponsoreninteresse Richtung Gipfel geht...

? In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass Sie nicht allzu gerne lesen. Nun aber gibt es ein Buch – Ihre Biographie, aufgeschrieben vom namhaften Schweizer Journalisten Robi Köbler: „Stephan Siegrist – Balance zwischen Berg und Alltag“ (AS Verlag, Zürich). Schon ein gutes Gefühl, oder?

Ich lese in der Tat wenig, zuwenig! Um so mehr freut es mich, wenn es andere tun.
Es freut mich wirklich sehr, wie Röbi meine Gedanken und Wünsche für das Buch verwirklichen konnte. Es ging mir sehr darum, dass nicht einfach „Heldentaten“ beschrieben werden, sondern wie ein Leben als Profi wirklich ist. Und da gehören eben auch schwierige Momente, Misserfolge, Ängste und der soziale Spannungsbogen dazu.
Und ich finde, er hat es wirklich gut rübergebracht. Das zeigt auch die Nachfrage nach dem Buch. Nach zwei Wochen wurde bereits die zweite Auflage gedruckt. Im Herbst kommt es dann auch in Englisch auf den Markt.

? Ganz persönlich: Sie sind jetzt knapp fünfunddreißig, unverheiratet, kinderlos. Gibt es dennoch die Sehnsucht nach Familie? Oder bleibt kein Raum dafür bei soviel Abenteuer und Unterwegssein?

Ich habe sehr gerne Kinder und bin auch nicht gerne alleine. Aber in einem so intensiven Beruf noch genügend Platz und Zeit für die nötige Verantwortung aufzubringen, ist sehr schwierig.

? Und zu guter Letzt: Welches Motto könnten Sie uns bergsteigerischen Normalverbrauchern mit auf den Weg geben?

Freude haben!
Es spielt keine Rolle in welchem Schwierigkeitsgrad!
Und das alte Sprichwort: „Nur ein alter Bergsteiger ist ein guter Bergsteiger“ hat auch heute noch seine volle Berechtigung. Lieber einmal zu früh umdrehen! Und besser ein guter Bergsteiger sein - als der Beste gewesen …

? Vielen Dank, Stephan Siegrist, für das Gespräch. Und auch weiterhin soviel Erfolg!

Herzlichen Dank!!

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