Ein Gespräch mit Stephan Siegrist,
Live-Gast beim diesjährigen FILMFEST ST. ANTON
Stephan Siegrist (Foto: Severin Nowacki), geboren 1972 in der Nähe von Bern, ist heute einer der bedeutendsten Allround-Alpinisten weltweit. Er kennt die großen Wände der Alpen – auf ihren klassischen Routen und oft auch durch neue, außergewöhnliche Erstbegehungen. Er war Protagonist bei den TV-Projekten „Eiger live“ und „Eiger retro“ – ausgerüstet wie die Erstbegeher 1938. An den gewaltigen Felstürmen Patagoniens hat er schwierigste Touren unternommen, und 2004 gelang ihm die erste Durchsteigung der Thalay Sagar Nordwand im Himalaya. Siegrist ist Live-Gast beim diesjährigen FILMFEST ST. ANTON (am Abschlussabend, Samstag 1. September).
Vorab schon gibt er Antworten auf sehr persönliche Fragen...
? Liest man die lange Liste Ihrer alpinistischen Erfolge und Höchstleistungen, so kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Allein Ihre Begehungen von Eiger-, Mönch- und Jungfrau-Nordwand innerhalb von 25 Stunden machen einen sprachlos. Und doch – es scheint etwas zu fehlen: Warum gab es bislang keine Achttausender?
Mich muss ein Berg in erster Linie durch seine Schönheit ansprechen. Dann ist für mich entscheidend, ob es eine interessante , technisch anspruchsvolle, logische Linie zur Besteigung gibt. Natürlich möglichst eine Erstbegehung! Dann spielt es für mich keine Rolle, ob es ein Sechs-, Sieben- oder Achttausender ist.
Die Megalinie am Gasherbrum 2 ( Anm. d. Red.: 8035 m) z.B. hat mich interessiert - nicht die Höhe. Diese Erstbegehung konnten wir schlussendlich leider nicht machen. Doch zu einem späteren Zeitpunkt werden die Achttausender bestimmt noch ein Thema…
? Im Himalaya gelang Ihnen im Jahr 2004 eine großartige Neutour: Die Durchsteigung der Nordwand des fast 7000 Meter hohen Thalay Sagar. Welche Wertigkeit hat diese Tour – „Harvest Moon“ – für Sie?
Es war für mich eine der größten Erfolge! Nicht nur vom Bergsteigerischen her, sondern auch vom Medialen. Wir haben ja selber gefilmt, und der Film wurde ja anschließend mehrfach ausgezeichnet.
? Nun scheint ja im Himlaya das Neuland an Sechs- und Siebentausendern noch unerschöpflich. Kann es sein, dass genau das zu Ihrem Betätigungsfeld wird – großes Abenteuer, extremes Klettern in Fels wie Eis?
Ja, es ist das technisch Anspruchsvolle, das mich interessiert. Und ist es dann noch in einem unbekannterem Gebiet – umso besser!
? Der Film „Harvest Moon“ ist bei Ihrer Thalay Sagar-Expedition entstanden. Er wird beim FILMFEST ST. ANTON 2007 zu sehen sein. Zuvor standen Sie ja schon bei verschiedenen Eiger-TV-Produktionen vor der Kamera. Ist das etwas, was Sie reizt? Was Sie vielleicht später, wenn die Zeit der sportlichen Höchstleistungen zu Ende geht, faszinieren könnte: selbst Filme zu machen?
Ja, filmen ist für mich eine neue Herausforderung - und bestimmt auch zum wichtigen Punkt für jeden Profibergsteiger geworden, hilft es doch dabei, Expeditionen visuell für den Zuschauer zu erleben und auch zu vermarkten. Und das ist wichtig, damit man sich dann auch die nächste Reise leisten kann.
Was später einmal sein wird, weiß ich noch nicht.
? Der Konkurrenzkampf im Profibereich des Bergsteigens ist groß. Dabei scheint es nicht vor allem darum zu gehen, wer der Beste ist, sondern darum, durch Aufsehen erregende Erfolge sich immer wieder der Unterstützung durch die Sponsoren versichern zu können.
Inwieweit sehen Sie sich selbst einem solchen Druck ausgesetzt?
Der Druck ist bestimmt da. Doch den meisten macht man sich eigentlich selbst. Solange ich meine eigenen Projekte und Träume realisieren kann, mir nichts vorgeschrieben wird und ich am Berg selbst entscheiden kann, ob ich weitergehe oder nicht, passt es für mich.
?... anders gefragt: Gab es schon Momente in Ihrer Laufbahn, wo sie umgekehrt wären, aufgegeben hätten, wenn kein Sponsoreninteresse dahinter gestanden wäre?
Nein ganz sicher nicht. Im Gegenteil! Nach dem jüngsten Beispiel am Gasherbrum, teilte ich meinem Hauptsponsor mit, dass ich der Falsche bin wenn Sie jemanden haben wollen, der blindlings für das Sponsoreninteresse Richtung Gipfel geht...
? In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass Sie nicht allzu gerne lesen. Nun aber gibt es ein Buch – Ihre Biographie, aufgeschrieben vom namhaften Schweizer Journalisten Robi Köbler: „Stephan Siegrist – Balance zwischen Berg und Alltag“ (AS Verlag, Zürich). Schon ein gutes Gefühl, oder?
Ich lese in der Tat wenig, zuwenig! Um so mehr freut es mich, wenn es andere tun.
Es freut mich wirklich sehr, wie Röbi meine Gedanken und Wünsche für das Buch verwirklichen konnte. Es ging mir sehr darum, dass nicht einfach „Heldentaten“ beschrieben werden, sondern wie ein Leben als Profi wirklich ist. Und da gehören eben auch schwierige Momente, Misserfolge, Ängste und der soziale Spannungsbogen dazu.
Und ich finde, er hat es wirklich gut rübergebracht. Das zeigt auch die Nachfrage nach dem Buch. Nach zwei Wochen wurde bereits die zweite Auflage gedruckt. Im Herbst kommt es dann auch in Englisch auf den Markt.
? Ganz persönlich: Sie sind jetzt knapp fünfunddreißig, unverheiratet, kinderlos. Gibt es dennoch die Sehnsucht nach Familie? Oder bleibt kein Raum dafür bei soviel Abenteuer und Unterwegssein?
Ich habe sehr gerne Kinder und bin auch nicht gerne alleine. Aber in einem so intensiven Beruf noch genügend Platz und Zeit für die nötige Verantwortung aufzubringen, ist sehr schwierig.
? Und zu guter Letzt: Welches Motto könnten Sie uns bergsteigerischen Normalverbrauchern mit auf den Weg geben?
Freude haben!
Es spielt keine Rolle in welchem Schwierigkeitsgrad!
Und das alte Sprichwort: „Nur ein alter Bergsteiger ist ein guter Bergsteiger“ hat auch heute noch seine volle Berechtigung. Lieber einmal zu früh umdrehen! Und besser ein guter Bergsteiger sein - als der Beste gewesen …
? Vielen Dank, Stephan Siegrist, für das Gespräch. Und auch weiterhin soviel Erfolg!
Herzlichen Dank!!